90 Jahre Auto Union – die Zeit bis 1945

Manfred Prescher 442 0
Vier Marken, große Probleme: Die Auto Union war eine logische Konsequenz der Weltwirtschaftskrise. Im ersten von drei Teilen erzählt das Rameder-Team was in den Jahren bis 1945 passierte

Auto Union – vier Marken aus dem Osten

Als offizielles Gründungsdatum Auto Union wird der 29. Juni 1932 angesehen – denn an diesem Tag wurde in Chemnitz der erste staatliche Automobilkonzern als Aktiengesellschaft eingetragen. Allerdings nennen Chronisten auch andere Zeitpunkte, denn eine Fusion wird nicht binnen 24 Stunden durchgezogen. Nach harten Verhandlungen wurde die sächsische Auto Industrie in einer Union vereinigt – und nun stellen wir die vier Marken kurz vor.

Der größte Motorradhersteller der Welt

DKW: Sitz in Zschopau, gegründet 1904 vom Dänen Jørgen Skafte Rasmussen und von Carl Ernst. Bereits 1912 verließ Ernst das Unternehmen wieder. Unter Rasmussens Ägide entstand ein Konzern, der zum größten Motorradhersteller der Welt wurde, daneben aber auch kleine, erschwingliche PKW und Haushaltsgeräte fertigte. Die Abkürzung „DKW“ stand anfangs für „Dampf Kraft Wagen“, ließ sich von der Werbeabteilung aber auch anderweitig umdichten – etwa als „Das Kleine Wunder“ oder „Das Kühl Wunder“.

Edle Wagen für Superreiche

Horch: Der Pfälzer Ingenieur August Horch war ein Pionier des Fahrzeugbaus – und überaus umtriebig. 1904 zog er mit seinem Unternehmen Horch ins sächsische Zwickau, kurz darauf wurde er auch schon ausgebootet. Seine Firma bestand weiter und wurde zur führenden Marke für Fahrzeuge mit Achtzylindermotoren. Auf dem engen Markt der Luxusautomobile konkurrierte Horch mit Mercedes-Benz. 1935 kostete ein Horch mindestens 10.000 Reichsmark, es konnten – je nach Karosserie und Motorisierung – aber leicht auch 15 oder 16.000 daraus werden. Ein Häuschen bekam man damals übrigens durchschnittlich für 9.000 Reichsmark.

Eine Replika des Horch 853 Coupés, das auf den schönen Namen „Manuela“ hört

Das Sorgenkind

Audi: Nach dem Rauswurf aus der eigenen Firma hielt August Horch nur kurz inne: 1909 gründete er praktisch in Sichtweite seiner alten Firma die Audi-Werke. Audi, die Lateiner wissen das, heißt „ich höre“ – oder auf gut Süddeutsch eben „Horch“. Audi baute lange elegante Luxusfahrzeuge und sportliche Sechszylinder, verschlief aber Trends und technische Innovationen. Zur Zeit der Fusion war Audi das größte Sorgenkind und stand tatsächlich unmittelbar vor der Pleite. Das Unternehmen wurde zwar bereits 1928 von DKW übernommen, geriet aber im Zuge der Weltwirtschaftskrise endgültig ins Schlingern. Heute ist Audi die einzige Marke, die noch – oder wieder – existiert.

Der letzte Audi vor dem Zweiten Weltkrieg: Der Audi 920 kam 1939 auf den Markt.

Die gehobene Mittelklasse

Wanderer: Die Bezeichnung „Wanderer“ wurde erstmals 1886 verwendet. Damals ließ sich die in Chemnitz-Schönau ansässige Firma Winklhofer & Jaenicke den Namen für ihre neue Fahrradproduktion schützen. Ab 1902 baute man Motorräder und erste Land- und Werkzeugmaschinen, kurz darauf kamen – damals nicht unüblich – Schreibmaschinen dazu. Bereits 1906 entstand der Prototyp eines ersten „Wanderermobils“, sieben Jahre später ging ein Kleinwagen in Serie, der als Wanderer „Puppchen“ sehr populär wurde. Wanderer erweiterte die Modellpalette immer weiter und wurde ab 1928 zum Konkurrenten von Mercedes und Adler bei der gehobenen Mittelklasse. Der wachsende Erfolg führte dazu, dass man Mitte der 1920er Jahre eine neue Fertigungsstätte in Siegmar, also vor den Toren von Chemnitz, baute. Motorräder und Büromaschinen wurden aber weiterhin in Schönau gefertigt.

Wanderer Puppchen – ein niedlicher Kleinwagen

Die ersten Jahre der Auto Union – jeder Ring steht für eine Marke

Im Februar 1933 stellte die neue Union zum ersten Mal auf der Berliner Automobilausstellung aus: Audi gab sich runderneuert mit Frontantrieb in der Mittelklasse, erfolgreich war man aber nicht. Erst 1938 produzierte man den Audi 920, dessen neuer Motor 75 PS leistete und sich sehr sportlich fuhr. Das Modell was so begehrt, dass es im ersten Jahr ausverkauft war und viele Kunden zu Kriegsbeginn ihr Fahrzeug nicht mehr bekamen. Dass und wie DKW Deutschlands mobile Zukunft über Jahrzehnte beeinflussen wird, war in den 1930er Jahren natürlich nicht absehbar. Aber die Baureihen F2 bis F8 sollten mit ihrer Technik überdauern. Sie waren von Anfang an schon sehr erfolgreich – pro Jahr wurde von den Kleinwagen mit dem richtungsweisenden Frontantrieb über eine Viertelmillion verkauft. Nachfolger sollte der F9 mit Blechkarosserie und neuem 28 PS-Dreizylindermotor werden. Der Serienstart war für 1940 geplant, fiel jedoch dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Horch erreichte im Luxussegment einen Marktanteil von 50 Prozent, für viele Liebhaber der Marke ist der Horch 853 der allerschönste Wagen, den die Zwickauer je hergestellt haben. Wanderer ließ sich einen neuen, von Professor Ferdinand Porsche konstruierten Sechszylinder-OHV-Motor mit Leichtmetall-Zylinderblock konstruieren – und entwickelte um dieses Triebwerk herum moderne Fahrwerke und Karosserien. Horch verkaufte pro Jahr zwischen 1.500 und 2.000 Fahrzeuge, Wanderer brachte um die 9.000 Autos an den Kunden, bei Audi waren es nur wenige Hundert. Beim Marktanteil an der PKW-Gesamtproduktion im Deutschen Reich liest sich das für das Jahr 1938 so: DKW 17,9%, Wanderer 4,4%, Horch 1,0%, Audi 0,1%.

Auto Union schrieb gleich Motorsportgeschichte

Um den Namen Auto Union bekannt zu machen, engagierte sich das Chemnitzer Unternehmen von Beginn an im Motorsport. Dazu schloss man 1933 mit Ferdinand Porsche einen Vertrag über die Entwicklung eines Grand-Prix Rennwagens. Dieser Bolide hatte einen V16-Motor und wurde mit Kompressor zusätzlich beatmet. Ungewöhnlich war damals, dass sich das Triebwerk hinter dem Fahrer befand. Zwischen 1934 und 1938 wurde der 16-Zylinder-Rennwagen immer weiter verbessert, als Typ C leistete er schließlich 520 PS. Dank überragender Siege von Fahrern wie Hans Stuck, Achille Varzi und vor allem Bernd Rosemeyer machten Auto Union sehr schnell weltweit in aller Munde – auch die Prestigeduelle mit den Silberpfeilen von Mercedes-Benz sorgten für große Resonanz. Besonderes Aufsehen erregte die Weltrekordfahrt von Rosemeyer auf der Autobahn Frankfurt-Darmstadt im Oktober 1937: In seinem stromlinienförmigen Rennwagen erreichte er als erster Mensch auf einer normalen Straße eine Geschwindigkeit jenseits der 400 km/h-Marke. Bei einem weiteren Rekordversuch im Januar 1938 kam der beliebte Motorsportler ums Leben. Er wurde nach kurzem Zögern durch den Italiener Tazio Nuvolari, den „fliegenden Mantuaner“, ersetzt – aber nur für kurze Zeit. Unser Aufmacherfoto zeigt übrigens Formel-1-Legende Jackie Ickx in Bernd Rosemeyers silbernen Auto Union Typ C auf dem Stadtkurs von Monte Carlo.

Wie es weiterging

Mit dem Zweiten Weltkrieg stoppte nicht nur der Motorsport in Europa, sondern auch die Produktion von Fahrzeugen für den zivilen Bedarf. Die Geschichte der Auto Union ging aber nach 1945 weiter – in Ost- und auch in Westdeutschland. Liegen zwischen den sächsischen Standorten nur wenige Kilometer, kommen nach dem Krieg auch Städte in Bayern und Baden-Württemberg dazu. Aber vom Zeitraum zwischen dem 8. Mai 1945 und dem 10. März 1969 erzählen wir im zweiten Teil, bevor wir uns im dritten Beitrag bis in die Jetztzeit bewegen. Dann stellen wir auch die wichtigsten Museen der Auto Union vor.

Bildnachweis
  • Audi Presse
  • Fahrzeug Museum Chemnitz (Wanderer Puppchen)

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